Mai 2014 / WWG-Demo

03. Mai 2014
„Strom sparen statt Höherstau im Schaaren“
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Mehr als 40 Jahre nach ihrer Gründung tritt die „Aktion Rhy“ im Kampf gegen das Wasserwirtschaftsgesetz wieder hervor – und vermag immer noch zu mobilisieren.
von Daniel Jung

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Am 18. Mai wird im Kanton Schaffhausen über eine Teilrevision des Wasserwirtschaftsgesetzes abgestimmt. Mit dem vom Kantonsrat verabschiedeten Gesetz sollen die Grundlagen für eine mögliche intensivere Nutzung der Wasserkraft auf Schaffhauser Gebiet gelegt werden. Konkrete Projekte, die nach einem Ja vertieft abgeklärt werden sollen, wären ein Höherstau des Rheins am bestehenden Kraftwerk Schaffhausen sowie der Bau eines zweiten Kraftwerks am Rheinfall.

Obwohl die Revision im Parlament mit 44 zu 5 Stimmen breite Zustimmung erhielt, regt sich nun von vielen Seiten Widerstand. Gestern wurde diese Opposition am Ort des Geschehens sichtbar gemacht, nämlich auf dem vom Schaffhauser Kraftwerk aufgestauten Rhein. Rund 120 Personen trafen sich am Nachmittag im Naturschutzgebiet Schaaren, um auf einer Fahrt den Rhein hinab gegen den Höherstau und ein zweites Rheinfallkraftwerk zu demonstrieren. 40 Boote – darunter viele Stachelweidlinge – waren für die Fahrt mit Transparenten geschmückt worden. „Wer unsere Natur verrät – zerstört die Lebensqualität“ hiess es auf einem Transparent, „Da Gsetz isch doch e Mogelpackig – stimm WWG Nei aber zackig“ auf einem anderen. Organisiert wurde die Demonstration von Daniel Leu, Werner Oechslin und René Uhlmann von der „Aktion Rhy“, einem losen Zusammenschluss von Rheinfreunden, der bereits im Jahr 1973 gegründet worden war (siehe Artikel unten). Mobilisieren konnten die Initianten Fischer und Jäger, verschiedene Wassersportler, etwa vom Kanuclub, sowie viele Schaffhauser, die ihre Freizeit gerne auf dem Rhein verbringen. „Wir haben zwei Inserate geschaltet und etwa 200 Briefe verschickt“, sagte Werner Oechslin, der ab 1973 erster Präsident der „Aktion Rhy“ war und heute das Kantonsgericht präsidiert. Die „Aktion Rhy“ befürwortet den Atomausstieg und den Ausbau von alternativen Energien. „Eine stärkere Nutzung der Wasserkraft im Kanton darf aber keinesfalls der erste Schritt sein“, sagte Daniel Leu, ebenfalls Gründungsmitglied der „Aktion Rhy“. Zuerst müsse das Sparpotenzial stärker ausgenutzt werden, etwa durch ein Verbot von Elektroheizungen. In zweiter Linie müsse ein Ausbau von Fotovoltaik-, Biomasse-, Wind- oder Erdwärmeanlagen vorangetrieben werden, bevor dann über eine stärkere Wassernutzung diskutiert werden könne. Auf einer Bootsfahrt in den Schaaren, welche die „Aktion Rhy“ für die Medien organisiert hatte, wiesen Oechslin und Leu auf drohende Folgen eines Höherstaus hin: Im Schaffhauser Fischerhäuserquartier seien Keller und Fundamente von einer Erhöhung des Grundwassers bedroht. Verschiedene Plätze und Gebäude am Rhein könnten nach einem Höherstau überflutet werden, etwa das Haus des Ruderclubs oder das Restaurant Paradiesli. Im Naturschutzgebiet Petri würde der Lebensraum diverser Vogelarten beeinträchtigt, im Schaaren schliesslich würden viele kostspielige Renaturierungsbemühungen der letzten Jahre infrage gestellt oder gar zerstört.

In ihren ersten Protesten im Jahr 1973 richtete sich die „Aktion Rhy“ gegen den Bau einer Autobahn, welche das Schaarengebiet gefährdete. Damals wurde in Schaffhausen über die Streckenführung der von Singen her kommenden Autobahn diskutiert. Klar war, dass die deutsche Autobahn, die bereits im Bau war, bis nach Bargen führen würde. Für die Umfahrung von Schaffhausen gab es verschiedene Varianten. Bei der im Jahr 1973 vorgesehenen Variante wäre der Rheinübergang im Schaarengebiet geplant gewesen.
Dagegen regte sich in der Region Widerstand, unter anderem von der „Vereinigung für gesunden Lebensraum“, die damals von Hans Minder, Vater des heutigen Ständerats, präsidiert wurde. Für besondere öffentliche Mobilisierung sorgte aber ein Kreis engagierter Studenten, welcher die „Aktion Rhy“ ins Leben rief. An der Gründungsversammlung im grossen Falkensaal mit über hundert Teilnehmern am 14. Juni 1973 wurde der damalige Student Werner Oechslin zum ersten Präsidenten gewählt. Die weiteren Vorstandsmitglieder waren Othmar Schwank, Angelo Gnädinger, Daniel Leu, Christine Grieder, Barbara Ackermann, Markus Waldvogel, René Uhlmann sowie Jean Pierre Baillods. Für viel Aufsehen sorgte die „Aktion Rhy“ am 30. Juni 1973 mit einer zweiteiligen Kundgebung. Die Demonstration begann kurz nach Mittag in Diessenhofen, von wo eine Armada von bis zu 70 Weidlingen und Paddelbooten ablegte und mit bunten Transparenten – bei brütender Hitze – bis nach Schaffhausen trieb. Am anschliessenden Demonstrationszug durch die Stadt und an der Kundgebung auf dem Fronwagplatz nahmen rund 3000 Personen teil. „Wämm ghörd de Rhi – Üs ghörd de Rhi!“ war damals einer der Schlachtrufe. Sieben Rednerinnen und Redner, darunter der damalige Ständerat Konrad Graf, rügten in deutlichen Worten den Plan der Behörden, die Autobahn durch eine noch unberührte Landschaft zu bauen. „Die von viel gut gemeintem Elan und Idealismus getragene Demonstration verlief insgesamt äusserst sittsam und friedfertig“, hiess es in den SN vom 2. Juli 1973. Ende Februar 1975 reichte die „Aktion Rhy“ eine Volksinitiative „zur Erhaltung der Rheinlandschaft“ ein. Schliesslich wurde das Anliegen erfolgreich in einen Gegenvorschlag der Regierung aufgenommen, der am 15. Mai 1977 mit überwältigendem Mehr angenommen wurde. Im Jahr 1990 kämpfte die „Aktion Rhy“ dann mit einer Volksinitiative für eine „Verminderung der Motorboote“ – dies aber ohne Erfolg. (dj.)

Parolen auf den Transparenten

„Natur zur Sau bim Höherstau“
„Um e paar Kilowatt z’günne flüsst de Rhi dänn nümme“
„En See bis uf Stei? Höherstau nei“
„E Kraftwerk bim Fall – die händ doch en Knall“
„Wasser abzwiige – de Rhifall vergiige“